Ist die Niedrigzins-Ära am Ende?

Von einer echten Zinswende kann jetzt (!) noch keine Rede sein

Die Finanzkolumne von Sascha Anspichler, Geschäftsführender Geschäftsführer der FP Asset Management GmbH in Freiburg

Zunehmend positive Frühindikatoren für die europäische Wirtschaft und steigende Zinsen in den USA nähren derzeit die Angst vor steigenden Zinsen in Deutschland. Das „Zinsgespenst“ geht ein weiteres Mal um. Dabei dauert der übergeordnete Abwärtstrend deutscher Staatsanleihen seit nunmehr 36 Jahren an. Und so stellt sich die Frage, ob ängstliche Investoren wieder nichts aus der Vergangenheit gelernt haben, oder ob die Zinswende bereits angelaufen ist und der fallende Zinstrend in diesen Monaten ein jähes Ende findet? 

 

Um den noch immer historisch niedrigen „deutschen Zins“ zu verstehen, lohnt sich ein Blick sowohl auf die Interessenlage der Politischen Entscheider in der Europäischen Union, als auch auf die der Europäischen Zentralbank (EZB). Schnell wird klar, dass es in Zeiten fallender Zustimmungsquoten zur Wirtschaftsgemeinschaft um deren Erhaltung gehen muss. Entsprechende Maßnahmen mittels „Notenbank-Geschenken“ bescheren der deutschen Wirtschaft, seit vielen Jahren eine Sonderkonjunktur. So dürfen Zinseingriffe durch die EZB über Anleihekäufe nicht nur einem Staat dienen – so profitieren andere Staaten mit.

 

Alleine vor diesem Hintergrund ist klar, dass kriselnde Euro-Staaten, wie Italien, erst aus der Krise kommen müssen, bevor auch der deutsche Zinstrend nachhaltig nach oben drehen kann.

 

Nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union, wird Italien die drittgrößte Volkswirtschaft Europas stellen. Fehlende Strukturreformen sowie politische Fehlentscheidungen führten in den letzten zehn Jahren zu einer Erhöhung der Staatsverschuldung um ca. vierzig Prozent. Im Gleichen Zeitraum fiel das Bruttosozialprodukt Italiens um knapp fünf Prozent. Hinzu kamen im Jahr 2016 deflationäre Tendenzen und steigende Zinsen bei den Staatsanleihen. Mit ca. 2,3 Prozent rentieren zehnjährige italienische Staatsanleihen aktuell fast zwei Prozent über den deutschen Staatsanleihen. Leisten kann man sich dies aus italienischer Sicht eigentlich nicht.

 

Im Gegensatz dazu Deutschland, wo die unter der Inflationsrate liegende Staatsanleiheverzinsung zur Entschuldung beiträgt, liegt die Inflationsrate Italiens fast zwei Prozent unter dem Zins zehnjähriger Staatsanleihen. Die Mission scheint klar: Die Zinsen müssen fallen und die Inflation muss steigen. Davon würde auch die lahmende Bauwirtschaft Italiens profitieren. Das Beispiel Italien zeigt, wie stark die Häuserpreise vom Zins abhängen. Im Januar 2017 veröffentlichte Daten über den italienischen Hauspreisindex für das dritte Quartal 2016 zeigten einen Rückgang von 0,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal, während für die Preise in der Europäischen Union um 4,3 Prozent stiegen.

 

Ohne niedrige Zinsen und positive Inflation wird Italien also keine nachhaltige Entschuldung erreichen und die lahmende Bauwirtschaft entscheidend nicht stimulieren. Daher wird die EZB alles daran setzen, die Zinsen in Italien durch geeignete Maßnahmen, wie beispielsweise Anleihekäufe, niedrig zu halten. Diese Maßnahmen wirken sich auch auf den deutschen Zins aus, da die EZB auch heimische Anleihen aufkaufen muss. Auch Unternehmen in Europa profitieren von einer Sonderkonjunktur. Seit dem Jahr 2016 kauft die EZB auch Unternehmensanleihen an – das freut die Unternehmen. Diese werden den Anleihemarkt in diesem Jahr mit einem Rekordvolumen von geschätzten 100 Mrd. Euro fluten und sich dadurch günstig refinanzieren.

 

Fazit: Eine nachhaltige Zinswende in Deutschland scheint bei genauer Betrachtung der Faktenlage unwahrscheinlich, wenngleich diese, aufgrund der Diskussionen um das Auseinanderbrechen der Eurozone und internationaler Verflechtungen - nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann.

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