Übertriebenes Ärgernis Nullzinsen

Persönliche Vermögensbilanz
schafft Transparenz

Die Finanzkolumne von Sascha Anspichler, Geschäftsführender Geschäftsführer der FP Asset Management GmbH in Freiburg

Haben Sie sich nicht auch einmal die Frage gestellt, wie hoch der Vermögensstand Ihrer Ersparnisse sein müsste, um nur von den Zinsen leben zu können? Brachte die sogenannten „Lotto-Millionen“ vor weniger als zehn Jahren noch jährlich ca. 45.000 Euro an „sicheren“ Zinserträgen in Bundesanleihen, sind es heute nur noch ca. 5.000 Euro. Somit ist es auf den ersten Blick nicht verwunderlich, dass heute von der Enteignung des Sparers durch das „Zinsregulativ“ der Europäischen Zentralbank (EZB) gesprochen wird.

 

Dennoch lässt sich feststellen, dass die Annahme einer hundertprozentigen Vermögensanlage in Bundesanleihen nicht der Realität entspricht. Es handelt sich also um eine unrealistische, eindimensionale Betrachtung nur eines Vermögensteils. Wer sein Geld tatsächlich vollumfänglich in Bundesanleihen anlegt und bis zum Laufzeitende hält, hat es wohl nicht besser verdient, als enteignet zu werden. Man verliert mit dieser „naiven“ Vermögensaufteilung aktuell real (abzüglich der Inflation in Höhe von zwei Prozent) ca. 1,5 Prozent. Ist das eigene Vermögen so anlegt, hat man tatsächlich verloren und kann sich dem Ärgernis über Nullzinsen hingeben.

 

Tatsächlich jedoch, legen die Deutschen durchschnittlich über fünfzig Prozent in Immobilien an und streuen ihr Vermögen auf weitere, rentablere Anlageklassen wie beispielswiese Aktien, höherverzinsliche Anleihen, Edelmetalle und Rohstoffe.

 

Unterstellt man also, dass die „Lotto-Millionen“ nur zur Hälfte in Immobilien und zur Hälfte in Bundesanleihen angelegt ist, verändert sich das Bild bereits schlagartig: Eine moderate Annahme des Mietzinses für die Immobilien in Höhe von zwei Prozent und die Annahme einer jährlichen Wertsteigerung der Immobilien von drei Prozent, lässt den jährlichen Vermögenszuwachs auf 27.500 Euro ansteigen. Es sei bemerkt, dass sich der Deutsche Wohnimmobilienindex  (DEIX) in den Jahren 2000 bis 2007 kaum verändert hat und es immer wieder Vermögensklassen gab, die über einen längeren Zeitraum Seitwärtstendenzen zeigten.

 

Wie bereits erwähnt, könnten in der individuellen Vermögensbilanz zudem weitere rentablere Vermögensklassen wie beispielsweise Aktien enthalten sein. Beziehen wir in unsere Überlegungen zusätzlich die veränderten Zinskosten für das Baufinanzierungs-darlehen und das gestiegenen Einkommen ein, reichen die jährlichen Netto-Überschüsse womöglich näher an das Jahr 2007 heran, als wir dies im ersten Moment für möglich gehalten haben.

 

Auch um die persönliche Inflation könnte es nicht so schlimm bestellt sein, als wir glauben. Hilfestellung hierzu gibt das statistische Bundesamt mit einem praktischen Inflationsrechner ,in den sich die persönlichen Gewohnheiten einstellen lassen.

 

Fazit: Des „Deutschen“ Ärgernis über die „Nullzinsen“ ist menschlich, jedoch vielfach übertrieben. Dass wir uns heute im Allgemeinen finanziell gut aufgestellt fühlen, liegt auch daran, dass wir unser Vermögen meist breit auf viele Vermögensklassen aufteilen und wir bei den Kreditzinsen sparen. Die jährliche Aufstellung einer eigenen Vermögensbilanz schafft Transparenz und steigert möglicherweise die individuelle Zufriedenheit.

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